Newsletter 05/2011
Inhalt:
• PA: Studie bestätigt: Sonntagsarbeit beeinträchtigt work-life-balance
• GPA-djp: 94 % der Beschäftigten in der Lugner City gegen Sonntagsarbeit
• Streit um Sonntagsöffnung in der Lugner City
• Geld ist nicht das Einzige
• Was Herr Lugner für sein Grundrecht hält, ist in Wahrheit ein Rückschritt
PA: Studie bestätigt: Sonntagsarbeit beeinträchtigt work-life-balance
Utl.: Europäische Sonntagsallianz will sich für angemessene Arbeitszeiten und die Verankerung des freien Sonntags in der Arbeitszeitrichtlinie der EU einsetzen
Empirische Untersuchungen belegen, dass sich Sonntagsarbeit nachteilig auf das Gleichgewicht von Berufs- und Privatleben auswirkt (work-life-balance). Eine unausgewogene work-life-balance führt außerdem zu einem erhöhten Gesundheitsrisiko. Auf diesen Zusammenhang macht die Allianz für den freien Sonntag Österreich anlässlich der Gründung der Europäischen Sonntagsallianz am 20.6.2011 in Brüssel aufmerksam. Es ist auch wissenschaftlich nachgewiesen, dass ein Ersatzruhetag während der Woche diese negativen Effekte nicht aufwiegen kann. Die entsprechenden Ergebnisse der Deloitte-Studie zur Evaluierung der Arbeitszeitrichtlinie der EU werden am Montag, den 20.6.2011 in Brüssel von Prof. Friedhelm Nachreiner präsentiert werden.
„Nicht nachhaltige Arbeitszeitmuster (unvorhersehbare Rufbereitschaften, unterbrochene Stunden, Schichtarbeit, unsoziale Arbeitszeiten wie Nacht- und Wochenendarbeit) können zu einer Zunahme von Stress und zu Krankheiten führen. Dadurch bedingte Krankenstände nehmen zu, oft ausgelöst durch das starke Empfinden eines Kontrollverlusts und mangelnden Einflusses auf die eigene Arbeit und Lebensweise“, heißt es dazu in der Gründungserklärung der Europäischen Sonntagsallianz. „Menschen, die an Sonntagen oder zu unregelmäßigen Zeiten arbeiten, tun dies aus finanzieller Notwendigkeit und nicht aus freier Wahl. Nicht nachhaltige Arbeitszeitmuster – besonders im Zusammenhang mit geringfügiger Beschäftigung – sind eine wesentliche Quelle für das zunehmende Phänomen der ´working poor´ in Europa.“
Die Europäische Sonntagsallianz organisiert am 20.6. in Brüssel im Europäischen Wirtschafts-und Sozialausschuss eine ExpertInnen-Konferenz unter dem Titel „Mehrwert gemeinsamer freier Zeit“: Neben den Themen Gesundheit und Sicherheit geht es dabei um die sozialen Aspekte des Wochenendes und die Bedeutung des Sonntags für Freiwilligenarbeit.
Daran beteiligt sind Friedhelm Nachreiner (Gesellschaft f. Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie), der die Deloitte-Studie zur Arbeitszeitrichtlinie der EU präsentieren wird, und Jill Ebrey (Universität Chester, UK), die zu den Auswirkungen von Sonntags- und Wochenendarbeit auf das Gemeinwesen empirisch forscht.
Pavel Trantina (Permanente Studiengruppe zum Europäischen Freiwilligenjahr 2011), Stephan Dietzen (Europäisches Olympisches Komitee), Waldemar Nowakowski (Polnische Wirtschaftskammer), Alfred Bujara (Solidarnosc), Peter Novovesky (Allianz für den freien Sonntag Slowakei) sind weitere TeilnehmerInnen der ExpertInnenkonferenz.
Die Europäische Sonntagsallianz ist ein Netzwerk nationaler Allianzen und Initiativen für den freien Sonntag, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlicher Organisationen und Kirchen. Der freie Sonntag und angemessene Arbeitszeiten (decent working hours) werden der Fokus gemeinsamer Aktivitäten sein. Erklärtes Ziel der Europäischen Sonntagsallianz ist es, den freien Sonntag in die Europäische Arbeitszeitrichtlinie zu bringen. Die Allianz für den freien Sonntag Österreich mit über 50 Mitgliedsorganisationen ist Gründungsmitglied.
Konferenzprogramm: http://www.europeansundayalliance.eu/
Deloitte-Studie: http://www.gawo-ev.de/cms/
GPA-djp: 94 % der Beschäftigten in der Lugner City gegen Sonntagsarbeit
Utl.: Sonntagsöffnung muss Ausnahme bleiben
Wien (OTS) - „Arbeitsfreie Sonn- und Feiertage sind in wichtige gesellschaftliche Zeiträume für Erholung und Regeneration, gemeinsame Freizeitgestaltung, Familienleben sowie für die Ausübung sozialer und kultureller oder religiöser Aktivitäten. Natürlich ist es unser Ziel, den ArbeitnehmerInnen diese wichtigen Freizeitansprüche, die vor allem im Handel immer wieder hinterfragt werden, zu sichern. Umfragen bestätigen dieses Anliegen. Vor allem die Beschäftigten sprechen sich gegen die Öffnung der Geschäfte am Sonntag aus - das wurde heute einmal mehr eindrucksvoll bewiesen“, präsentierte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp), Wolfgang Katzian, das Ergebnis einer Umfrage in der Wiener Lugner City. Immerhin 215 der 229 angetroffenen Handelsangestellten haben sich heute Vormittag in einer geheimen Abstimmung gegen die Sonntagsöffnung ausgesprochen. Das entspricht einer Ablehnung von 94 Prozent. Lediglich 14 Beschäftigte, also sechs Prozent, wollen am Sonntag arbeiten.
Quelle: gpa-djp.at
Streit um Sonntagsöffnung in der Lugner City
Utl: Lugner will sein Einkaufszentrum auch an Sonntagen öffnen. Eine GPA-Blitzumfrage, bei der die Mitarbeiter dagegen stimmten, lässt ihn kalt.
Richard Lugner stößt mit seinem Wunsch nach fünf bis sechs offenen Sonntagen im Jahr bei den Beschäftigten der Lugner City auf taube Ohren. 94 Prozent wollen am Sonntag nicht arbeiten, ergab eine am Dienstag durchgeführte Blitzumfrage der Gewerkschaft GPA-djp unter 229 Mitarbeitern des Wiener Einkaufszentrums. In Summe arbeiten etwa 500 bis 600 Personen in der Lugner City, pro Tag sind im Schnitt 300 im Einsatz.
"Arbeit am Sonntag bleibt die Ausnahme und wird nicht zur Regel. Dafür kämpfen wir", betonte GPA-Vorsitzender Wolfgang Katzian in einer nach der Auszählung einberufenen Pressekonferenz.
Lugner versteht GPA "überhaupt nicht"
Nicht zur Freude des Baumeisters, der sich über die unangekündigte Befragung der Gewerkschaft samt eingeladener Journalistenschar in seiner Lugner City echauffierte.
"Die Gewerkschaft kann nicht einfach ohne mit mir zu reden Standln aufbauen, Journalisten und Kamerateams einladen und eine Umfrage machen. Das kann es nicht sein", tobte Lugner im Gespräch mit der APA. Das Ergebnis der Umfrage zieht Lugner in Zweifel: "Es ist immer die Frage, inwieweit Umfragen manipuliert sind." Er verstehe das Problem der Gewerkschaft "überhaupt nicht", schließlich bekämen die Mitarbeiter am Sonntag 100 Prozent mehr bezahlt und einen freien Tag.
Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof
Lugner hat erst kürzlich gemeinsam mit acht weiteren Geschäftsleuten der Lugner City eine Beschwerde gegen die Ladenöffnungszeiten beim Verfassungsgerichtshof eingebracht.
Lugner sieht nicht ein, warum Händler in Tirol am Sonntag offen haben dürfen, in Wien aber nicht. Die Gewerkschaft argumentiert mit Sonderregelungen in Tourismusregionen und verweist darauf, dass von der Wirtschaft gar keine Vorschläge kommen, beispielsweise im 1. Bezirk, in dem es vor Touristen nur so wimmelt, offen zu halten. Lugner wirft dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl vor, in dieser Hinsicht überhaupt nichts für die Geschäftsleute zu tun und fordert daher, dass die Entscheidung künftig bei den Unternehmen selbst liegen soll, ob sie am Sonntag offen haben wollen oder nicht.
"Kein Bedarf an längeren Öffnungszeiten"
Die Gewerkschaft indes will weder am Sonntag noch an den Öffnungszeiten rütteln. "Mehrere Umfragen und Studien zeigen eindeutig, dass kein Bedarf an längeren Öffnungszeiten besteht", sagte Katzian. Die Händler würden dadurch außerdem keinen zusätzlichen Umsatz lukrieren. Die Lugner City scheint hier eine Ausnahme zu sein, Lugner betont immer wieder, dass die Merkur-Filiale zwischen 18.00 und 21.00 Uhr mehr Umsatz erzielt als in den neun Stunden davor.
Das Thema Sonntagsarbeit beschäftigt die Gewerkschaften in ganz Europa. Kommenden Montag wird in Brüssel eine europäische Sonntagsallianz gegründet, kündigte Franz Georg Brantner, der in der GPA für den Bereich Handel zuständig ist, an. In Österreich gibt es die "Allianz für den freien Sonntag" seit vielen Jahren.
Quelle: 14.06.2011 | 13:09 | (DiePresse.com)
Geld ist nicht das Einzige
Utl: Der freie Sonntag bietet mehr Beschäftigten die Möglichkeit, Zeit gemeinsam mit Familie und Freunden zu verbringen
Nein, es ist nicht der Kirchgang, der vor dem Sonntagseinkauf geschützt werden muss. Dazu gibt es in Österreich nicht mehr genug Gläubige. Auch die Angst der Gewerkschaft vor Ausbeutung der Handelsangestellten ist unbegründet. Dafür sorgen schon die Zulagen, die Sonntagsarbeit sehr attraktiv machen.
Und dennoch hat eine Gesellschaft ein dringendes Interesse daran, dass am Sonntag nicht mehr Menschen arbeiten als notwendig. Der freie Sonntag kostet zwar etwas Kaufkraft und Bequemlichkeit. Aber er bietet mehr Beschäftigten die Möglichkeit, Zeit gemeinsam mit Familie und Freunden zu verbringen. Und das - so zeigen es alle Studien - machen Menschen am allerliebsten. Freizeit an einem Wochentag ist für einen durchgearbeiteten Sonntag kein Ersatz, denn da ist der Sonntagsarbeiter meist allein.
Es ist auch von Vorteil, wenn Freizeit nicht immer mit Shoppen verbracht werden kann - selbst wenn viele das gerne tun. Sport, Geselligkeit, Ausflüge oder Kultur: All das hebt die Lebensqualität des Einzelnen mehr als die Verlockungen der Konsumwirtschaft.
Das klingt nach Bevormundung, und das ist es auch. Aber gelegentlich müssen Menschen im eigenen Interesse zu gewissen Tätigkeiten gedrängt und von anderen abgehalten werden. Geschlossene Rollläden am Sonntag sind ein vertretbarer Preis dafür, in einem Land leben zu können, in dem Geld nicht das einzig Wichtige ist.
Quelle: Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2011
Was Herr Lugner für sein Grundrecht hält, ist in Wahrheit ein Rückschritt
Utl: Die engagierte und warmherzige Streitschrift des „Spiegel“-Autors Matthias Matussek für seine katholische Kirche lehrt sogar den Zweifler, welche Fortschritte wir ihr zu verdanken haben.
Vom „Spiegel“ ist man gewohnt, glasklare, nüchterne, mit trockenem Humor gewürzte Artikel zu lesen. Dasselbe darf man erwarten, wenn ein „Spiegel“-Autor ein Buch verfasst. Doch bei dem Werk „Das katholische Abenteuer – eine Provokation“ von Matthias Matussek findet man nicht nur all diese Vorzüge im Übermaß.
Man wird zudem überrascht, wie gut dem einstigen Leiter des Kulturressorts eines nicht gerade als kirchenfreundlich bekannten Blattes eine engagierte Streitschrift für die katholische Kirche gelungen ist. Und zwar just für die als verzopft und antiquiert verschriene Kirche, die Appelle „fortschrittlicher“ Katholiken à la Drewermann, Küng (und hierzulande: Kohlmaier) souverän missachtet, die sich nicht um Trends und Mahnrufe schert und die keiner der politisch so korrekt klingenden Moden nachläuft, welche die evangelischen Kirchen Deutschlands bereits wie eine Krankheit zum Tode befallen haben.
Selbst wenn man einige der fundamentalen Positionen der katholischen Kirche nicht versteht oder gar ablehnt, empfindet man die Schrift Matusseks als warmherzige Verteidigung einer Institution, der die moderne Welt mit ihren Errungenschaften außerordentlich viel verdankt – all den bösen Worten von der „Kriminalgeschichte des Christentums“ zum Trotz; Kirchenhistoriker wissen davon ein Lied zu singen und nichts davon soll unter den Teppich gekehrt werden.
Aber ohne Patristik und Scholastik wäre Aufklärung undenkbar. Ohne die Botschaft, dass jedem Menschenkind eine unsterbliche Seele zu eigen ist, wäre es nie zur Idee der Menschenrechte gekommen, ursprünglich vom Dominikanermönch Las Casas zur Verteidigung der peruanischen Ureinwohner erhoben, wonach jedem Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht im gleichen Maße Würde, Grundrechte und die Erlangung des Glücks offenstünden.
Ein winziges Detail davon betrifft die Zeiteinteilung, die von der einst mächtigen Kirche durchgesetzt wurde: Kaiser Konstantin hatte verordnet, den Sonntag in Erinnerung an den Tag der Auferstehung Jesu als besonderen Tag zu feiern, an dem die Arbeit möglichst ruhen soll. Übernommen wurde diese Tradition vom Judentum, aber Christen sollten nicht mehr den Samstag, sondern den Sonntag heiligen.
Unabhängig davon, welcher religiöse Gehalt die Ausnahmestellung eines der sieben Wochentage begründet, war es ein gewaltiger Fortschritt, den Zeitenlauf mit Zäsuren zu versehen, welche allen Menschen ein Innehalten erlauben. Auch Zweifler, die zur Messe gingen, vermochten wenigstens im wundersamen Ritus zu sich selbst zu finden.
Herr Richard Lugner mag es für sein Grundrecht auf freie Erwerbstätigkeit halten, dass er an „besonders nachfrageintensiven“ Sonntagen seinen Laden aufsperren und die Angestellten zur Sonntagsarbeit zwingen möchte – an die vorgeschützte Freiwilligkeit glaubt bestenfalls eine naive Frohnatur. Und Josef Urschitz mag dem famosen Krämer mit dem auf Gewerkschaft und Wirtschaftskammer gemünzten Wort von „Rollladen-Fetischisten“ tapfer zur Seite stehen.
Dass sie mit ihrem nur ans Verdienen gerichteten Denken den Menschen Wertvolles nehmen, was ihnen einst die Kirche gab – selbst wenn viele von uns diesen Wert kaum mehr fassen –, kommt ihnen nicht in den Sinn.
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Quelle: RUDOLF TASCHNER „Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011
