Newsletter 04/2010
Inhalt:
• Zeitsouveränität zurückgewinnen
• 10 Tipps für mehr Zeitwohlstand
• Erholsamen Sommer wünscht die Allianz für den freien Sonntag
"Die Zeitsouveränität zurückgewinnen"
Für Rüdiger Safranski ist Zeit eine Machtfrage zwischen Politik und Ökonomie - Der Philosoph sieht die Notwendigkeit, die Maschinenzeit dem Biorhythmus anzunähern, und fordert eine Revolution der Zeitgestaltung
Salzburg - "Souverän ist, wer über seine eigene Zeitökonomie entscheidet." Der deutsche Philosoph und Publizist Rüdiger Safranski plädiert, dass das Thema Zeit auf die politische Agenda kommt. Die Dringlichkeit werde nicht zuletzt an der Bankenkrise deutlich, so Safranski bei einem - im Rahmen der von der Universität Salzburg veranstalteten "Salzburger Vorlesungen" geführten - Gespräch mit Ö1-Redakteur Michael Kerbler und Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.
Man stehe vor einer politischen Machtfrage. Auf der einen Seite die computergestützte Finanzwirtschaft mit Entscheidungen in Sekundenbruchteilen; auf der anderen Seite demokratische Gesellschaften mit dem Zeittakt langer Verhandlungen. Es sei eine politische Entscheidungsfrage: Man müsse in die Zeitökonomie des Finanzmarktes eingreifen, damit Finanzprozesse so organisiert werden, dass sie auf demokratische Prozesse Rücksicht nehmen.
"Vergesellschaftung von Zeit"
Ausgangspunkt der Debatte in Salzburg war ein von Kerbler eingangs formulierter Befund zum Thema Zeit: Immer mehr Termine und Arbeitsschritte müssten in einer Zeiteinheit absolviert werden, immer mehr Tätigkeiten würden gleichzeitig ausgeführt, der moderne Mensch lebe im Multitasking. Gleichzeitig hätten im System der Beschleunigung immer mehr Menschen das Gefühl, das Eigentliche im Leben zu versäumen. Und: Das von schwerfälligen Entscheidungsabläufen geprägte politische System gerät gegenüber einer global agierenden, beschleunigten Ökonomie immer mehr ins Hintertreffen.
Safranski versucht sich hier dem Phänomen grundsätzlich zu nähern: Solange es Gesellschaften gebe, gebe es auch "die Vergesellschaftung von Zeit" , also die Koordination von Zeitabläufen menschlicher Aktivitäten. Dieser Vergesellschaftungsprozess sei durch die industrielle und technische Entwicklung "so tief in die Psyche" des Einzelnen hineingetrieben, dass es immer schwieriger werde, "ein Jenseits" dieser Vergesellschaftung zu erreichen, ein "Außerhalb" dieses Zeitregimes wahrzunehmen. "Unser ganzes Innenleben ist in einer Mutation begriffen."
Eine entscheidende Zäsur für Safranski ist das Erleben von Gleichzeitigkeit. Mit den technischen Möglichkeiten für die Gleichzeitigkeit, für die Echtzeitkommunikation sei eine menschheitsgeschichtlich einmalige Situation entstanden. Vor 1900 wäre jedes "raumferne Ereignis" , das nicht im unmittelbar erlebbaren Kreis geschehen ist, bereits vergangen gewesen. "Das Erlebnis von Welt geschah in der Vergangenheitsform, wenn es ankommt." Es habe die Möglichkeit nachzudenken gegeben. Mit der Gleichzeitigkeit sei die Möglichkeit zur Reflexion verloren gegangen.
Familie und Arbeit
Wenn es nun wieder um die "Rückgewinnung von Zeitsouveränität" geht, empfiehlt Safranski eine Rückbesinnung auf Historisches. Der Kampf um den Achtstundentag oder für Feiertage sei so ein Kampf gegen die "verdinglichenden und kapitalgestützten Prozessen der Zeitbewirtschaftung" gewesen. Heute steht für den Philosophen die Koordinierung und Anpassung des Biorhythmus an die Maschinenzeit auf der Tagesordnung. "In jedem von uns lebt ja auch ein biologisches Zeitprogramm."
Eine Abstimmung von Bio- und Produktionsrhythmus wäre auch im Interesse der Produktivität. Zu den neuen Kämpfen um die Zeitsouveränität zählt Safranski auch die "Verknüpfung mit der gesellschaftlichen Situation". Also: "Wie kann man Familie und Arbeit organisieren?"
Und was kann der Einzelne beitragen, um das Zeitregime zu ändern? Safranski: "Ich habe keinen Fernseher. Ich behandle den Mailverkehr wie den Briefverkehr." (Quelle: Thomas Neuhold, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. Juni 2010)
Zehn Tipps für mehr Zeitwohlstand
von Prof. Karlheinz A. Geißler
■ Seien Sie langsam!
Das Schnelle ist nicht notwendigerweise besser als das Langsame. Es ist sinnvoll nachzusehen, wo im Leben Langsamkeit produktiver ist. Durch Nichtstun lässt sich übrigens auch viel Zeit sparen.
■ Warten Sie ab!
Warten ist nicht immer verlorene Zeit. Häufig spart es Kosten und Energie.
Will man den richtigen Augenblick erwischen, muss man warten können.
■ Machen Sie Pausen!
Nur mit Hilfe von Pausen können wir Einteilungen vornehmen. Durch Pausen
lassen sich Anfang und Ende bestimmen. Pausen sind notwendig, um nicht die Orientierung zu verlieren.
■ Gehen Sie Umwege!
Wer Umwege geht, kann Neues entdecken, kann andere, eventuell produktivere
Wege zum Ziel finden. Der Umweg ist der Königsweg zu Kreativität und Innovation.
■ Zeit ist nicht Geld!
Nicht jede Aktivität ist auf Heller und Pfennig berechenbar. Die Motivation der Arbeitenden lebt von der Liebe zur Arbeit. Und die Liebe zur Arbeit benötigt andere Zeitmuster als die lieblose Arbeit. Der Wert eines Gesprächs lässt sich nicht messen.
■ Investieren Sie gesparte Zeit!
Die Zeit, die man durch beschleunigte Abläufe spart, kann man dort nutzen, wo es darum geht, sich mehr Zeit zu nehmen. Wer die gesparte Zeit immer neu dazu nutzt, um noch mehr Zeit zu sparen, erzeugt Widerstand, der wiederum viel Zeit kostet.
■ Leben Sie rhythmisch!
Rhythmen entlasten von der Tyrannei permanenten Entscheidungsdrucks. Flexibilität benötigt rhythmische Arbeits- und Lebensformen, wenn sie nicht zur Orientierungslosigkeit führen sollen. Rhythmen verringern Aufwand und Energie.
■ Vergessen Sie das Zeitmanagement!
Zeitmanagement entlastet nicht vom Zeitdruck. Häufig wächst er erst durch Zeitmanagement. Nur jene, die nicht über Zeit nachdenken, sind frei von Zeitdruck.
■ Vergessen Sie die Uhrzeit!
Für Fortgeschrittene noch ein spezielles Umlernangebot (es stammt vom Münchner Philosophen Karl Valentin): Schauen Sie morgens, wenn Sie aus dem Haus gehen,
auf die nächstliegende Kirchturmuhr und merken Sie sich die Zeit für den ganzen Tag!
■ Machen Sie Urlaub vom Zeitdruck!
Vergessen Sie, wenn Sie in den Urlaub fahren, einfach mal Uhr und Handy.
Einen erholsamen Sommer wünscht die Allianz für den freien Sonntag Österreich
In diesem Sinne darf ich Ihnen allen einen Sommer der schönen Begegnungen, erholsamen Wochen und vielen Sonnentagen wünschen! Wir werden uns weiter für den erhalt des freien Sonntags einsetzen.
Falls Sie unser Anliegen finanziell unterstützen möchten freuen wir uns über eine Spende auf unser Konto bei der
RLB Noe-Wien AG, Kto. Nr. 6100.076.059, BLZ 32000
Lautend auf Projekt Sonntag c/o ksoe, 1010 Wien, Schottenring 35/DG
